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Arbeiten und reisen in Japan Ein Bericht von FFB Lukas Hauer und FFB Marko Benz
Der Empfang in Japan: Santaro, der erste Kontakt und der Einstieg in die Arbeit
Etwas arbeiten, etwas reisen und dann schauen, wie es weitergeht. Der einheimische Freiheitsbruder Wolfgang Steinmetz hatte uns empfohlen, die Krauterei auf der Kyushu-Insel im Südwesten Japans zu besuchen, bei der er 30 Jahre zuvor einige Monate lang scheniegelt hat. Zitat: „Falls der Krauter noch lebt und ihr ihn findet – liebe Grüße von mir“. Über drei Ecken ergab sich zudem der Kontakt von Santaro, welcher uns per E-Mail wenige Tage vor dem Abflug angeboten hat uns am Flughafen abzuholen und ein bis zwei Tage bei sich zu beherbergen. Und tatsächlich stand er dort, erkannte uns komisch aussehende Vögel direkt und fuhr uns zu sich nach Ichynomia (Chiba Präfektur). Er, Mitte 30, selbstständiger ‘Daiku’ (Zimmerer/Tischler) mit Auslandserfahrung und Englisch-Kenntnissen, lud uns prompt zum Dosenbiertrinken ein und man verstand sich sofort. Am folgenden Tag, den Montag, zeigte er uns die Gegend und fragte uns, ob wir ihm Dienstagvormittag bei einem kleinen Projekt unterstützen könnten. Tja, da hatte er uns mal direkt shanghait. Nicht mal 30 Stunden nach Ankunft standen wir nun bei 36 Grad und subtropischer Luftfeuchtigkeit verschwitzt in Schaniegelbux, um irgendwo hinter Meppen im Dschungel ein paar alte Hobelmaschinen und Tischfräsen umherzuschieben. Mittags ging’s dann zu Santaros eigentlicher Baustelle, einem recht luxuriösen Massivholz-Neubau, wo er als Subunternehmer für ‘ne kleine Zimmerei arbeitete. Dort trafen wir nun auf Murakami-san. Er, der Krauter, mit recht kleiner Statur, zotteligem Haar, Brille, breitem Lächeln und, was uns angeht, bereits vorgewarnt, ließ uns gar nicht die Zeit zum ‘nach Arbeit fragen’ und empfing uns mit einem „You can work? Ok, so let’s work!“. Nach einigen Stunden Schalung anschießen lud er uns abends mit den anderen Kollegen in die Kneipe (jap. Isakaya) ein. Bei diversen leckeren Häppchen und Bierchen lernte man sich kennen und einigte sich auf ein paar Tage Probearbeiten. Trotz kleinen Kultur- und Sprachbarrieren passte man sich schnell ein.
Arbeiten in Tateyama: Einblick in die japanische Baukultur und Arbeitsmoral
Nach knapp zwei Wochen verließen wir Ichynomia und zogen zum Krauter in dessen Gästehaus nach Tateyama/Minamiboso. Wir vereinbarten bis Ende September, also zwei Monate, dort zu bleiben. Bei einer in der Regel 6-Tage-Arbeitswoche erhielten wir die Möglichkeit, an den verschiedenen Projekten der Firma mitzuarbeiten. Altbausanierung, Schalungsbau, verschiedenste Innenausbauarbeiten sowie Fenster- und Möbelbau fielen uns zu. Trotz so mancher Unterschiede in der Baukultur erkannten wir einige Parallelen in Ausführung und qualitativem Endergebnis der Arbeiten. Arbeitsalltag und -moral waren jedoch unterschiedlicher als gedacht. Es scheint uns, als würde die Arbeit in Japan gesellschaftlich einen sehr hohen Stellenwert einnehmen. Gerne Überstunden zu machen, Vollzeit arbeitende Mitte 70-Jährige (Bauhandwerker), niemals zu jammern und die Arbeit als Lebensinhalt zu sehen, sind wohl Klischees über Japaner, die wir oftmals bestätigt bekommen haben.
Kulturelle Erlebnisse: Feste, Traditionen und Einblicke in die japanische Lebensweise
Obwohl wir viel arbeiteten und auch sonst gerne unsere Freizeit in der benachbarten Werkstatt verbrachten, erhielten wir in diesen insgesamt 2,5 Monaten einen tiefen Einblick in die japanische Kultur: Restaurantbesuche, Wandertouren, Surfing-Ausflüge, Stenz-Expeditionen mit 70-jährigem Arbeitskollegen im Dschungel oder auch die Reggae-Disco-Party mit anschließender Mario-Kart-Verfolgungsjagd im K-Truck in den Bergen. Besonderes Highlight war das Wochenende des 14./15.09., unser Oyakata (jap. Meister) Murakami-san fragte uns, ob wir eine Präsentation über das deutsche Holzhandwerk halten könnten – dies auch mit engl.-jap. Übersetzer. Natürlich kamen wir seiner Bitte nach, bereiteten selbst Sauerkraut zu für die deutsch-japanische Abendverpflegung und hielten erfolgreich vor knapp 60 Leuten einen Vortrag über früheres wie auch heutiges Häuserbauen in Deutschland, Zimmerei / Tischlerei samt Werkstätten und Baustellen, das Ausbildungs- / Meistersystem und Tippelei. Mit leichtem Kater räumten wir am nächsten Tag auf und schnackten mittags mit den Chefs. Wir fragten die beiden, wann wir denn heute zu diesem Festival nach Tateyama fahren würden – er entgegnete uns, dass sie selbst keine Zeit hätten, uns beide jemand nachmittags abholen würde und fragte uns nach unseren Schuhgrößen. Unsere Schuhgrößen ...? Warum will er das wissen? Außerdem weiß er doch, dass wir immer Kluft in der Öffentlichkeit tragen. Doch rein zufällig musste er plötzlich direkt los und konnte uns das Ganze nicht erklären. Nachmittags kam dann Yoshiro-san samt Familie, um uns abzuholen. Er brabbelte uns auf japanisch zu, drückte uns Klamotten und Schuhe in die Hände und machte uns klar, dass nun jap. Kluft getragen wird. In der Stadt angekommen, setzte man uns im Stadtpark bei ein paar Leuten mit demselben Kleidungsstil ab, welche uns direkt mit Fisch, Fleisch und Bier versorgten. Natürlich fragten wir uns, was uns heute erwarten würde, dank Sprachbarriere erhielten wir jedoch nicht die gewünschte Antwort und tranken einfach weiter. Beim Herumschlendern übers Gelände verstanden wir allmählich, dass wir bei diesem gut besuchten Fest, dem lokalen Matsuri Festival, aktiv teilnehmen werden. Irgendwann klärte man uns auch auf, dass wir einen dieser prächtigen Mikoshi-Schreine tragen werden. Bevor es weitere Infos gab, gingen wir nach dem zünftigen Vorglühen im Stadtpark zum Sammelpunkt unseres Teams, jetzt sollten wir uns nämlich aufwärmen.
Matsuri-Festival: Der Mikoshi-Schrein und die Herausforderung der Tradition
Haha, „Aufwärmen, na klar …“ natürlich wurde weiter getrunken, aber nun mit der kompletten, gut 50 Mann großen Gruppe. Eine Stunde später war es dann aber soweit und wir sollten einen von diesen ca. zehn verschiedenen Mikoshi-Schreinen zurück in dessen ‘Schrein-Anlage’ tragen. Davorstehend waren wir beide uns sicher, dass dieses kleine, golden verzierte Objekt ja gar nicht so schwer sein kann. Dicht aneinandergedrängt, die durchgeschobenen Tragbalken auf unseren Schultern, hoben wir den Gott samt seinem Schrein nun mit 20 Leuten an. Bevor wir realisierten, dass das Ding schwerer als gedacht ist (nach späterer Recherche plus minus eine Tonne), liefen wir aber auch schon los. Und als wenn normales Laufen nicht schon anstrengend genug gewesen wäre, trugen wir den Schrein vor großem Publikum auf dem Festplatz vor und zurück, streckten ihn in die Höhe und wackelten den göttlichen Hausbewohner hin und her, um ihm die Ehre zu erweisen bzw. zu zeigen, wie stark und belastbar man natürlich ist. Nach mehreren Runden verließen wir den Platz, denn wir hatten ja noch einige Kilometer bis zum Ziel vor uns. Die Kräfte ließen schnell nach, doch hielten wir dank schmerzbetäubenden Sprits und insbesondere des Teamgeists bis zum Ende durch und lieferten den Schrein ans gewünschte Ziel. Todmüde, aber zufrieden fielen wir ins Bett und erfreuten uns noch über eine Woche am Schulter- und Beinmuskelkater.
Von Tokyo nach Hokkaido: Neue Herausforderungen und der Beginn der Arbeit mit einem Tempelbauer
Unfassbares Glück hatten wir, ohne nennenswerte Vorbereitung solch einen guten Einstieg in unseren Japanausflug zu haben – zudem wir vom Krauter einige Adressen von anderen Daikus mit auf den Weg bekommen haben. Nach der Sayonara-Party war das nächste Ziel nun der Betrieb eines Tempelbauers in Obihiro auf Hokkaido, rund 1.000 km Luftlinie entfernt. Vom Dorf-Landleben ging es erstmal in DIE Metropole Japans, nach Tokyo. Bereits an die Kultur auf dem Land angepasst, nervte uns dieser Betondschungel samt gestressten Bewohnern und Touristen schnell. Der Unterschied zwischen den zumeist netten, zurückhaltenden und höflichen Japanern und den teils sehr lauten und respektlosen Touris, besonders denen aus China und den USA, veranlasste uns zusätzlich, bereits nach wenigen Tagen das knapp 40 Millionen Menschen große Kanto-Areal zu verlassen und direkt gen Norden zu trampen. Überrascht davon, die Strecke in weniger als 3 Tagen zu schaffen, standen wir nun vor dem Myadaiku (Schrein-/Tempelbauer) Sugawara-san. Wesentlich überraschter als wir es waren, sah er uns an und konnte sichtlich wenig mit uns anfangen. Wir versuchten, mit Hilfe einer Übersetzungsapp zu erklären, wer wir sind und dass wir bei ihm gerne arbeiten würden. Neugierig, aber sehr skeptisch wimmelte er uns ab, organisierte uns aber noch eine Platte bei einem Freund. „Schade, hat wohl nicht geklappt“. Am nächsten Morgen jedoch die Wendung. Er hätte sich über uns und Tippelei informiert und würde uns sehr gerne mal zur Probe arbeiten lassen. Nachdem wir uns ein paar Tage lang die schöne Natur Hokkaidos angeschaut hatten, fanden wir uns auf einer 20 Mann großen Baustelle wieder, um beim Aufrichten einer komplexen Holzhauspyramide im 16-Eck-Grundformat ohne Querbalken zu helfen. Mit einer Mischung aus fixem Arbeitseinsatz und sicherlich atemberaubendem Gesangsauftritt in einer Karaoke-Kneipe schafften wir es, den nächsten Krauter von uns zu überzeugen.
Traditionelle Handwerkskunst: Der Einbau der Hanegi im buddhistischen Tempel
Die folgenden 2,5 Wochen machten wir verschiedene Arbeiten am Dachstuhl eines knapp 100 Jahre alten buddhistischen Tempels. Nebst dem Wechsel einiger verrotteter Deckenpaneelbretter ging es vor allem um den Einbau der ‘Hanegi’ („Federbaum“). Diese Hanegi sind massive Balken, die das über zwei Meter überhängende Vordach auf Position halten. Eine Besonderheit ist, dass diese gut 6 Meter langen Balken aus Zeder nur auf einem Punkt aufliegen und die Funktion einer Wippe haben – im Winter bei sehr hoher Schneelast neigt sich das Vordach samt Hanegi in einen steileren Winkel, um so den Schnee besser abzuleiten und nicht unter dem Gewicht einzubrechen, während im Frühling nach der Schmelze das hintere Übergewicht der Hanegi das Dach wieder auf normale Position hebelt. In diesem Tempel waren diese Balken jedoch kaputt bzw. kaum noch vorhanden, daher der Plan vom Chef: drei neue Zeder-Kolosse à 6 m x 35 cm x 30 cm irgendwie da reinbringen, ohne das Dach zu öffnen oder das Wirrwarr an engmaschiger Dachstuhlkonstruktion zu beschädigen. Nach anfänglicher Skepsis unsererseits verfrachteten wir die Balken zu sechst mit Muskelkraft und Seilzügen durch den Altarraum hinauf und balancierten diese durch den Dachstuhl. Zig Male hin und her rangiert rutschten die Hanegi an die richtigen Plätze und erfüllten letztendlich den gewünschten Effekt.
Beeindruckende Expertise: Myadaiku Sugawara-san und seine Erfahrung beim Ise Jingu Bau
Um ehrlich zu sein, dieser Krauter, Myadaiku Sugawara-san, beeindruckte uns in mehrerlei Hinsicht. Nicht nur, dass er als Ende 40-Jähriger ein sehr hohes Fachwissen praktisch wie theoretisch bewies und Mitarbeiterkoordination bestens beherrscht, arbeitete er vor seiner Firmengründung beim Bau der Schreinanlage Ise Jingu in einer höheren Position mit. (Das shintoistische ‘Ise Jingu Naiku/Geku’ ist ein Komplex südöstlich von Kyoto, welcher seit über 1300 Jahren komplett mit zwei Haupt- und über 125 Nebenschreinen alle 20 Jahre identisch neu gebaut wird. Dieser unter großem Aufwand betriebene Neubau, welcher acht Jahre dauert und von gut 80 Myadaikus mit traditionellen Handwerkstechniken betrieben wird, hängt, grob erklärt, zum einen vom shintoistischen Grundgedanken der Erneuerung/Reinheit zusammen und zum anderen davon, dass so das Fachwissen von klassischen Bautechniken behalten bzw. weitergegeben wird.)
Kezuroukai-Wettbewerb und neue Arbeitsmöglichkeiten: Einblicke in die japanische Handwerkskunst und neue Kontakte
Die abgeschlossene Arbeit und das täglich kälter werdende Wetter auf Hokkaido veranlassten uns Anfang November, schnell wieder gen Süden zu reisen. Nach kurzen Stops am Toya-See, in Hakodate und Akita besuchten wir das ‘Kezuroukai’-Treffen, den jap. Daiku-Wettbewerb, bei dem es vor allem darum geht, den dünnsten Hobelspan zu hobeln. Hört sich für so manch einen vielleicht etwas albern an, jedoch bereiten sich jährlich über hundert Leute monatelang darauf vor das Messer ihres jap. Handhobels (der auf Zug bedient wird) so perfekt wie nur möglich zu schärfen, sodass ein richtiger Hobelspan entsteht, bei dem die paar Mü Restdicke so wirken, als wäre dies kein Holz, sondern eher eine Art Schleier, durch den man hindurchgucken kann.
Am selben Tag noch, und somit nur wenige Tage nach unserem Abschied aus Obihrio, saßen wir abends bei Bier und ‘Ramen-Nudelsuppe’ in Higashi-Matsuyama, nördlich von Tokyo, im Zentrum des Kanto-Areals, um mit Kazoo über die kommende Baustelle zu schnacken. Den selbstständigen Daiku Kazoo lernten wir bei unserer Präsentation zwei Monate zuvor kennen, welcher uns, ohne uns überhaupt zu kennen, direkt zu sich nach Hause einlud und uns fragte, ob wir bei ihm arbeiten könnten. Es stellte sich heraus, dass vor gut 15 Jahren bereits ein rechtschaffener Zimmerer und vor 7 Jahren zwei freie Vogtländer bei ihm gearbeitet und einen sehr guten Schnack hinterlassen hatten. Zitat: „I really like Journeymen!“.
Traditioneller Holzhausbau: Der Aufbau eines Zweifamilienhauses und die Kunst des Daiku-Handwerks
So kam es, dass wir nun pünktlich bei ihm aufkreuzten, um in den kommenden zwei Wochen beim Aufrichten eines Zweifamilienhauses dabei zu sein. Umgeben von billigen Fertighäusern und Betonbunkern, richteten wir ohne große Hilfsmittel mit 6 Leuten die Bude von der Schwelle bis zum Dach auf. Diese ‘Bude’ wurde, nebenbei mal erwähnt, von Kazoos Kollegen Furya-san innerhalb von 4 Monaten größtenteils allein mit Handmaschinen und -werkzeugen vorgefertigt. Dieses traditionell konstruierte Holzhaus hat sämtliche Verbindungsmittel aus Holznägeln und Keilen, sodass außer bei der Verbindung zwischen Schwelle und Fundament sowie bei der Befestigung der Sparren keine Schrauben oder (Metall-)Nägel in der Grundkonstruktion verwendet wurden. Die teils 18 Meter langen Deckenbalken/Unterzüge und Schwellen aus massiven Zedernstämmen wurden beispielsweise mit klassischen Längsverbindungen wie der ‘Kanawa-tsugi’ oder ‘Koshikake-kama-tsugi’ zusammengefügt (welche sich auf Zug und Druck sehr belastbar zeigen). Erwähnenswert ist wohl auch, dass bei diesem am ehesten als Stockfachwerkhaus beschriebenen Gebäude in den äußeren Wänden keine Diagonale’ eingebaut werden, sondern dünne, durch mehrere Ständer gehende Bretter, welche lediglich bei den Ständern mit einfachen Holzkeilen fixiert sind. Bei den häufigen Erdbeben in Japan kann das traditionelle Holzhaus dank dieser Konstruktion einfach mitschwingen, auch bei schweren Beben – während die sogenannten ‘modernen’ Fertighäuser des Landes mit Diagonalen bei schwereren Erdbeben sofort zusammenbrechen. Im späteren Verlauf des Baus werden die Außenwände dann mit Holzgittern (traditionell mit Bambusgeflechten) und Lehm geschlossen. Dank einer riesigen Menge Spaß auf’m Bau samt bester Feierabendgestaltung verging die Zeit sehr schnell, und so bauten wir im Anschluss noch fix eine Eckbank aus Birnbaum für Kazoo.
Abschied und letzte Reisen: Eine unvergessliche Tour durch Japan und das Wiedersehen mit alten Bekannten
So sehr wir unseren Aufenthalt genossen, stellten wir aber auch fest, dass es für uns Zeit wurde, wieder in ein Land weiter- bzw. zurückzureisen, in dem jeder Deutsch oder zumindest Englisch sprechen kann. So buchten wir den Abflug aus Japan für den 19. Dezember. Aber was tun mit den restlichen 2,5 Wochen? Da wir bisher ‘nur’ den Osten und Norden des Landes bereist und dabei eigentlich fast durchgehend gearbeitet hatten, stand fest, dass wir noch etwas reisen müssten. Die Idee, den anderen unserer beiden Kontakte vom Anfang aufzusuchen, stand noch im Raum, doch ließen uns die 1.000 km Luftlinie Entfernung im Anbetracht der Zeit etwas zögern den ganzen Weg nur per Anhalter zu machen. Beim drölften Feierabendbier fragten wir unseren Krauter/Kumpel, ob wir für die Reise vielleicht seinen alten Kombi-Pkw nutzen könnten, welcher dies schwer lachend mit folgender Aussage beantwortete: „What? … what a crazy idea?! Haha it’s OK, you can use it“.
So packten wir unsere Sachen, tankten den Toyota Prius voll und starteten unsere Tour, um Zentral- und Süd-/Westjapan zu bereisen. Stationen waren u.a. der wohl schönste Berg des Landes, der Fujisan; der ‘Ise Jingu Schrein’, diverse Ramen-Restaurants, Nara, Kyoto, Osaka, mehrere Samuraischlösser, Hiroshima, die japanischen Alpen und Matsumoto. Doch das eigentliche Hauptziel befand sich auf der südwestlichen Hauptinsel Kyushu in der Oita Präfektur. Dank integriertem Autonavi fuhren wir nun immer weiter in dünnbesiedelte Gegenden des Landesinneren, um den ehemaligen Chef vom Wolfgang aufzusuchen. Als wir nun auf dem Grundstück standen und niemanden dort antrafen, schien es, als hätten wir den Weg quasi umsonst auf uns genommen. Da trafen wir plötzlich den Nachbarn, fragten ihn nach Hilfe und er ging zum Haus, riss die Schiebetür auf und schrie laut den Namen des Krauters. Sichtlich genervt kam nun der 75-jährige, etwas schwerhörige, Kawano-san heraus. 30 Jahre nach dem Aufenthalt der beiden Freiheitsbrüder hatte er keinen Wandergesellen mehr gesehen, und plötzlich sah er uns vor seiner Haustür. Die Kinnlade fiel ihm spürbar auf den Boden, und so bat er uns herein. Wir zeigten ihm ein aktuelles Foto von uns zusammen mit Wolfgang und versuchten, ihm zu erklären, dass wir im Grunde nur da wären, um liebe Grüße zu überbringen. Sehr erfreut, aber ebenso überrascht, rief er erstmal zig Leute an, u.a. kam seine Tochter vorbei, um zu dolmetschen, und er lud uns ein, ein paar Tage bei ihm zu verweilen. Mit Vollverpflegung und umfassendem Sightseeing-Programm zeigte er uns die Gegend und ließ uns ‘als gefühlt 30 Jahre jüngerer Mann’ wieder weiterziehen.
Nach den zwei Wochen im Auto mit gut 3.800 gefahrenen Kilometern kamen wir wieder zurück und putzten als Teil des Deals die Karre gründlichst von innen und außen. Auf dem Weg zum Flughafen versuchten wir nochmal, die letzten 5 Monate Revue passieren zu lassen. Dass uns so viel Gutes widerfahren ist, geht definitiv über das normale ‘Tippelei-Glück’ hinaus. Unsere japanischen Freunde gaben uns jedenfalls alle denselben Schnack: „You are very lucky guys“
Dieser Beitrag und die Fotos stammen aus dem BULLETIN Ausgabe 89 und wurden von
r. frd. Zimmerer Enno Stegmann und F.V.D. Zimmerer Aaron Bauer verfasst.
Fachberatung: F.V.D. David Lorentz, F.V.D. Bernhard Mergel, Emmanuel Rousseau (Fédération)
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